Ein Problem ist eine Differenz zwischen Ist und Soll – und nichts weiter.

Schema der systemischen Problemdefinition: Ist-Zustand, Hindernis und Soll-Zustand als drei getrennte Elemente

Was ist ein Problem?

Im systemischen Sinne ist ein Problem eine Differenz zwischen einem Ist-Zustand und einem gewünschten Soll-Zustand – wobei das eigentliche Hindernis selten das ist, was der Klient zunächst benennt. Diese Unterscheidung ist folgenreich: Wer das falsche Hindernis adressiert, kann unendlich viel Energie aufwenden und kommt dennoch nicht ans Ziel. Das systemische Coaching beginnt deshalb nicht mit der Annahme, dass das präsentierte Problem das eigentliche Problem ist – sondern mit der Frage, welche Differenz tatsächlich geschlossen werden soll.

Was unterscheidet ein Problem von einer Herausforderung?

Eine Herausforderung ist eine Differenz, bei der die Ressourcen zur Überbrückung sichtbar sind; ein Problem ist eine Differenz, bei der das Hindernis selbst unklar oder falsch benannt ist. Diese Unterscheidung ist nicht akademisch – sie hat direkte Auswirkungen auf das Vorgehen. Wer eine Situation als Herausforderung erlebt, sucht nach Ressourcen. Wer sie als Problem erlebt, sucht nach Ursachen. Systemisches Coaching fragt zunächst, welches der beiden Erlebensmuster gerade aktiv ist – denn das bestimmt, welche Informationen überhaupt wahrgenommen werden.

Illustration: Probleme entstehen aus früheren Lösungsversuchen – das Konzept von Steve de Shazer im Coaching-Kontext

Wann ist ein Problem lösbar – und wann nicht?

Ein Problem ist lösbar, wenn das tatsächliche Hindernis erkannt und der Kontext verändert werden kann – unlösbar erscheint es oft nur, solange das falsche Hindernis adressiert wird. Es gibt Situationen, in denen das Problem strukturell ist – etwa wenn eine Führungskraft in einer Organisation arbeitet, die systematisch Entscheidungsunfähigkeit erzeugt. Dann liegt die Lösung nicht im Individuum, sondern im System. Systemisches Coaching unterscheidet zwischen dem, was der Klient verändern kann, und dem, was er nur annehmen oder verlassen kann.

Was bedeutet: Die Lösung ist egal, wie das Problem entstanden ist?

Steve de Shazer zeigte, dass zwischen Problemgeschichte und Lösung kein notwendiger Zusammenhang besteht – die Lösung liegt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart und Zukunft. Dieser Satz ist provokativ, aber präzise: Wer verstehen will, wie ein Konflikt entstanden ist, braucht dafür eine andere Methode als jemand, der ihn lösen will. De Shazer formulierte es so: „Probleme sind Lösungen" – gemeint ist, dass heutige Probleme oft aus früheren Lösungsversuchen entstanden sind, die einmal funktioniert haben und nun nicht mehr passen. Das eigentliche Hindernis ist dann nicht das Problem, sondern die Lösung, die man nicht loslässt.

WennDann
Sie das Problem präzise benennen können, aber keine Lösung findenlohnt es sich zu prüfen, ob das benannte Problem das eigentliche Hindernis ist
Sie dasselbe Problem immer wieder habenist wahrscheinlich die Lösung das Problem – ein früherer Versuch, der nicht mehr funktioniert
mehrere Personen dasselbe Problem unterschiedlich beschreibengibt es kein objektives Problem, sondern mehrere Konstruktionen – und die Differenz ist aufschlussreich
die Ursachensuche Sie nicht weiterbringtwäre der lösungsfokussierte Ansatz die bessere Alternative
das Problem nach einer Beförderung oder einem Ortswechsel geblieben istliegt es wahrscheinlich nicht im Kontext, sondern in einem Muster